Wissen belastet
Home Über die Titel-Grafik Impressum Wissen belastet by Email RSS RSS Feed
Architekturwettbewerb zum Umbau des Nationalrats

Politik, Dienstag 21 Oktober 2008 17:24

Wegen der vorgezogenen Nationalratswahl ist dieser Architekturwettbewerb, dessen Entscheidung Anfang Oktober 2008 verkündet wurde, etwas untergegangen.

Wobei es sich hier nicht um einen x-beliebigen Bau handelt, es geht um den Umbau der Nationalratssitzungssaals im Parlament (offizieller Titel: “Wettbewerb zur Neugestaltung des Nationalratssitzungssaals”).

Das klingt jetzt mal nicht so spektakulär, aber jedem der an Berlin denkt fällt relativ schnell das Reichstagsgebäude ein und jeder der nach Berlin fährt besucht die (wirklich sehenswerten) Kuppel. Ein wunderbarer, Zeichen setzender Umbau von Norman Foster. Wobei hier nicht nur die Kuppel sehenswert ist sondern z. B. auch die Umbaumöglichkeiten des Saals (Stecksystem um Fraktionen besser abbilden zu können) und die Offenheit durch die Verglasung.

Das alles und noch viel mehr fiel mir ein als ich von dem Wettbewerb hörte.

Nun ja, im Palais Epstein (auf der Webseite gibt es keine Infos zu dieser Ausstellung) gibt es eine Ausstellung aller Einreichungen. Diese Ausstellung ist wirklich Sehenswert da sie verschiedene Ansätze des Verständnis von Demokratie, Diskussion und Entscheidungsfindung zeigt:

Wer redet mit und zu wem?

Momentan sitzt die Regierung hinter dem Rednerpult, d.h. Wenn eine Person die Regierung ansprechen will muss er/sie sich umdrehen. Einige der Entwürfe setzen die Regierung ins Plenum, entweder rechts oder links oder auf beide Seiten aufgeteilt, etwas das ich sehr positiv finde (beim Sieger sitzt die Regierung wieder hinter dem Rednerpult, das soll aber noch geändert werden). Ein anderer Entwurf sieht zwei Rednerpulte vor, links und rechts leicht schräg zum Raum, somit hat man beim reden teilweise die eigene Partei im Rücken, auch ein interessanter Ansatz. Hier eine Übersicht von 20 Raumentwürfen (Entwurf 21 sah einen großen runden Tisch vor):

Erstaunlich welche Unterschiede es da gibt! Hier darf man gespannt sein wie die endgültige Gestaltung sein wird. Viele Entwürfe nennen auch explizit das Stecksystem in Berlin für die Plätze als Vorbild :)

Wie muss ein Plenarsaal des 21. Jahrhunderts aussehen?

Eine weitere wichtige Frage! Solche Räume werden wohl nur alle 60-100 Jahre renoviert, da heißt es Weitblick zu wahren.

Leider enttäuschen die 21 Entwürfe dazu gewaltig. Zwar erfüllen alle die Voraussetzung (Endlich Stromanschluss an jedem Arbeitsplatz(!)) aber z.B. Internetanschluss (Ok, geht mit WLAN), Displays mit Ergebnissen in den Arbeitstischen, usw. sind Mangelware!

Ganz zu schweigen von “Multimedia-Projektionsflächen”, gerade einmal drei Entwürfe erwähnen sowas, der Siegesentwurf ist, so wie er bis jetzt aussieht, dafür ungeeignet, zur “Argumentationsunterstützung” wie es sehr trefflich auf dem Zweitplatzierten Entwurf von Katzberger ZT GmbH genannt wird.

In einer Zeit die sehr stark auch von visuellen Eindrücken geprägt ist ein grober Fehler. Ich plädiere ja dafür das Reden im Parlament visuell unterstützt werden müssen und die entsprechenden Materialen sofort nach der Rede Online zur Verfügung gestellt werden müssen, dadurch würde die Aufmerksamkeit und Verständlichkeit des Parlaments massiv gesteigert werden, auch müssten sich die Abgeordneten intensiver vorbereiten, was der Diskussion und Entscheidungsfindung sicher nicht schaden würde.

Es gibt auch nur einen Entwurf der in diesem Stadium schon genau definierte Interviewzonen und Plätze für Kameras zur Fernsehübertragung mit einberechnet, ich dachte eigentlich das dies eine Voraussetzung ist, das ist doch wichtig, oder? Wie sonst kann man einen Eindruck über die parlamentarische Arbeit erlangen?

Wie kann man die Verständlichkeit des Parlaments zu steigern?

Hierzu gibt es leider so gut wie keine Ideen. Am interessantesten finde ich noch den Ansatz von ARGE Architekt DI Herbert Beier ZT GmbH Vasko + Partner ZT GmbH mit der farblichen Markierung der Parteizugehörigkeit, dadurch ist es möglich mit einem Blick die Verteilung zu erkennen:

Leider auf dem Bild nicht so gut erkennbar, die Farbmarkierung ist der obere Teil der Pulte. Auch ist dies einer der wenigen Entwürfen mit “Multimediaflächen”.

Das ist aber schon die einzige brauchbare Idee aller Entwürfe in dieser Hinsicht.

Interessant dazu ist auch das die meisten Entwürfe den Adler im Hintergrund beibehalten wollen. Nur ein oder zwei Entwürfe haben neben dem Adler die EU-Sterne plaziert…

Ist die Dachgestaltung eines Parlaments wirklich so wichtig?

Fast alle Entwürfe lassen sich etwas mit dem Dach einfallen. Ok, Anforderung war auch das mehr Besucher in das Parlament können und ihnen auch mehr geboten wird (Frei nach dem Motto “Erlebnispark”) deswegen muss es natürlich gleich ein Cafe geben usw., da kommt sicher noch der eine oder andere Souvenirshop dazu. Ob das im Parlament Sinn macht? da geht es doch um wichtigeres, oder?

Deswegen muss eine Art Wahrzeichen her, und da muss wohl, Vorbild Berlin, das Dach herhalten. Leider sind fast alle Entwürfe dazu sehr enttäuschend, wobei ich die Idee mit dem Bau eines Pantheon (obwohl ein Missverständnis) noch am witzigsten finde, ist aber einfach unbrauchbar (Elisabeth Zapf Baukunst):

Das Siegerprojekt hat übrigens einen Spalt oben in der Decke wo man den Himmel sieht, wer jetzt glaubt das dient dazu damit Gott zuschauen kann der/die sein bitte an die Trennung von Kirche und Staat erinnert :)

Das Siegesprojekt

Die Sieger des Wettbewerbs sind HEIDL Architekten ZT GmbH. Ihr Entwurf ist in vieler Hinsicht typisch Österreichisch da er ein Kompromiss ist. Möglichst wenig Veränderung (heutzutage sagt man dazu “Behutsam”), möglichst wenig spektakulär (wir sind ja nur ein kleines Land) und möglichst wenig modernisiert.Dazu ein Zitat aus der Jurybegründung:

Das aus denkmalpflegerischer Sicht positive Projekt zeigt eindrucksvoll die sensible
Überleitung von der ursprünglichen, historischen Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert
über die Formensprache der 1950er Jahre bis zu modernen, zeitgemäßen
Gestaltungsansätzen und bringt diese gekonnt in ansprechenden Einklang. Die
elegante, diskrete und ruhige Atmosphäre des auch sehr ökonomischen Projekts wird
vom Preisgericht als stimmiges Umfeld für den parlamentarischen Betrieb angesehen.

Fazit

Irgendwie überkommt mich das Gefühl das hier eine Chance nicht genutzt wurde. In Zeiten wo Politik sich wieder seinen Stellenwert erkämpfen muss wäre es hier sehr einfach gewesen ein Zeichen zu setzen, Schade!

Aber bis 2012, wenn der Umbau Fertig ist, kann sich ja noch einiges ändern.

Den Katalog zur Ausstellung mit Jurybegründung kann man sich hier als PDF herunterladen und hier gibt es noch mehr Bilder dazu (ist die Seite die auch in der Ausstellung zu sehen ist).

Noch bis 24. Oktober, Mo.-Fr. 10-17 Uhr, einfach beim Haupteingang des Palais Epstein rein auch wenn da nichts steht (auch ist das renovierte Palais Epstein sehenswert!).

  1.  
    22. Oktober 2008 | 16:54

    Wir haben in einem Aritkel am 4. August für unseren Nachrichtendienst aus dem Behindertenbereich natürlich primär die Barrierefreiheit betont. Siehe:

    Prammer: “Die Barrierefreiheit ist für mich einer der zentralsten Punkte”

    Allerdings hörte man bei der Pressekonferenz wie vorsichtig und wenig mutig das Projekt abläuft.

  2.  
    max
    22. Oktober 2008 | 17:03

    @Martin Ja, zum Thema Barrierefreiheit mussten sich ja alle Entwürfe etwas einfallen lassen (Mindestanzahl an Plätzen). Nur ist es bei den meisten Entwürfen nicht wirklich möglich (oder noch nicht ausgearbeitet) den Präsidentensitz im Rollstuhl zu erreichen, was mich sehr verwundert hat.

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.