Fernsehen und Internet, Computer, Mittwoch 12 November 2008 14:44
Am Freitag, 7. November, gab es in Graz beim Elevate-Festival ein “ORF-Dialogforum” zum Thema:
Welche Formate und welche Strategien bringen öffentlich-rechtlichen Mehrwert für junge Menschen im Angesicht der Commons-Diskussion und des Wandels zur Wissensgesellschaft?
Eingeladen war dazu auch Prof. Wolfgang Lorenz, Programmdirektor des ORF. In dieser Diskussion polterte er lautstark über das Internet (Original-Zitat: “Scheiß Internet”) und forderte die Jugendlichen auf sich nicht im Internet zu verkrümeln.
In einer Stellungsnahme am Montag wurde diese Aussage relativiert und (wie immer) behauptet das sie aus dem Zusammenhang gerissen ist,bla bla bla…
Ich war zwar (leider) nicht anwesend aber es gibt genug Leute die darüber berichtet haben (und hoffentlich noch viele mehr).
Deswegen gibt es jetzt die Initiative “Scheiß Internet” um Herrn Lorenz mal zu zeigen was das Internet ist. Vielleicht versteht er ja dann warum der ORF mit seinem Programm immer mehr ZuseherInnen verliert, hier zur Erinnerung eine kleine Übersicht:
Den ORF rettet ein bisschen die Alterstruktur in Österreich, denn ihm “stirbt” die Jugend komplett weg. Die ZIB2 um 22:00 hat zwar rund 400-500.000 ZuseherInnen täglich (was aber auch nur 22% der ÖsterreicherInnen sind die um diese Uhrzeit fern sehen und nur 7% (!) aller ÖsterreicherInnen entspricht) nur ist der Altersdurchschnitt knapp über 60 Jahre! Da schaut (fast) keiner unter 20 zu…
Ok, Nachrichten sind nicht das Fachgebiet von Herrn Lorenz, wenden wir uns der “Unterhaltung” zu, die Herr Lorenz ja großartig umgebaut hat. Hier eine Auflistung der Sendungen die zum Erfolg beitragen sollten:
- Mitten im Achten (eingestellt)
- Wie bitte? (nur mehr 1x die Woche um Mitternacht)
- Szene (kann sich daran noch jemand erinnern)
- Extrazimmer (einer der schlechtesten Sendungen EVER)
- Liebe Familie (eingestellt)
- Julia (eingestellt)
- lebens.art (jetzt Kulturmontag)
- 1 gegen 100 (gibt’s das noch?)
Da bleibt nicht viel über, auch “Anna und die Liebe” wird es wohl nicht mehr lange geben.
Ganz zu schweigen vom zugekauften Programm auf ORF1. Wenn ich vor 10-15 Jahren den Fernseher eingeschaltet habe gab es folgende Serien auf ORF1:
- Bezaubernde Jeannie
- Baywatch
- Eine schrecklich nette Familie
- Simpson
Wenn ich heute den Fernseher aufdrehe, sehe ich folgendes auf ORF1:
- Bezaubernde Jeannie
- Baywatch
- Eine schrecklich nette Familie
- Simpson
Irgendwie ist ORF1 schauen wie eine Zeitmaschine.
Ich will gar nicht von so öffentlich rechtlichen Sendungen wie “Starmania” (weiß irgend jemand noch wer die 2. Staffel gewonnen hat?) diese Musical-Show deren Namen mir bereits entfallen ist, usw. reden.
Auch die Behauptung das Fernsehen setzt die Themen, ist das “Leitmedium”, stimmt so wohl nicht mehr. Wenn sich etwas mehr 100.000 ÖsterreicherInnen täglich eine alte Simpson-Folge anschauen ist das weder ein “Massenmedium” noch ein “Leitmedium”. Auch schauen sich grad mal 16-18% der ÖsterreicherInnen die ZIB1 an, da lesen täglich 3x so viele ÖsterreicherInnen die Kronenzeitung (zugegeben nicht direkt vergleichbar, aber es reicht um einen Eindruck zu bekommen).
Laut Studien informieren sich knapp 50% der Menschen im Internet über das Weltgeschehen, Serien werden massiv im Internet angeschaut und, und, und.
Nur der ORF verschläft dass ganz.
Ok, da kommt jetzt sicher wieder die Ausrede wegen dem Rundfunkgesetz, bla bla bla. Ja und? Andere schaffen das auch (z. B. ARTE und das mit nur 0,9% Marktanteil).
DIe Innovativste Neuerung des ORFs der letzten Jahre ist die Einführung eines SUCHFELDES(!) auf dem (gelungenen) Redesign der Futurezone, WOW!
Sich dann aufzuregen das die Jugend sich ins Internet verkrümelt ist mehr als Peinlich!
Auch im ORF ist die Zeit für einen “Change” gekommen!
Aber schnell!
Und ja, ich will einen öffentlich rechtlichen Rundfunk und ich will eine Diskussion darüber!
Und ich frage mich auch warum ein öffentlich rechtlicher Rundfunk gewinnbringend sein muss!
Und ich hoffe das die Aufregung über diese Entgleisung nicht abnimmt bis es im ORF dazu Konsequenzen gibt! Es kann nicht sein das der ORF seine Geldgeber=Steuerzahler beschimpft!
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Toller artikel und leider trauig aber wahr. Wenn man sich aber die vielen grauen eminienzen am berg ansieht könnte es noch einige jahre dauern bis da von change überhaupt die rede ist…
Cheers, Cliff.
Super Max. Du hast viele wichtige Punkte angesprochen. Und ich würde noch hinzufügen, dass die Management Gehälter beim ORF – da er von Steuergelder mitfinanziert wird – auch Erfolgsorientiert ausgezahlt werden sollten. Kann es sein, dass wie bei Asfinag, Aua, Post & Co die Unternehmen immer rote Zahlen schreiben und die “Bosse” dennoch fett abkassieren?
Das Thema GIS Gebühren lassen wir mal, wobei ich bei Dir bin. Wenn die Qualität passen würde, dann wäre es keine Sache. Tut es aber nicht.
Und zu Herrn Lorenz: Traurig, wenn so ein alter Möchtegern-Wunderwuzzi total überfordert die Nerven wegschmeißt, weil dieses böse “Internetz” in so nervt. Aber so gesehen ist er das perfekte Sinnbild für die ORF Spitze.
PS: Ich schaue eigentlich täglich 3Sat. Da gibt es echtes “Wissensfernsehen” das Sinn macht…
Der ORF hat meiner Meinung nach das selbe Problem, dass alle österreichischen Ämter haben: schlechtes Personal.
Zusammengestückelt aus Partei- und Vetternwirtschaft. Und wenn ich bedenke, wieviele Leute immer noch beim ORF sind, die ich noch von meiner Zeit dort noch kenne (und das ist 6 oder 7 Jahre her), wird einem klar, was da fehlt: Frisches Blut. Für die meisten ORF Mitarbeiter gilt: wer einmal mit Kollektivvertrag quasi pragmatisiert ist, der geht dort nicht mehr weg bis zur Pension.
@hannes es gibt beim orf prämien für manager. nur heuer leider nicht. denn die werden nur ausbezahlt, wenn die Jahresdurchschnittsreichweite über 40 Prozent liegt.
@Spliffy: Danke! Ich hoffe da ändert sich bald was!
@Hannes: die bekommen eh erfolgsorientierte Gehälter, Herr Lorenz sogar (angeblich) abhängig vom Marktanteil, deswegen senken sie ja immer die Prognosen, Jahresanfang war es noch über 40% jetzt sind sie mit unter 39% zufrieden.
Dafür werden neue Serien wie “Tschuschenpower”, von der mir jeder im ORF vorschwärmt und die schon komplett fertig produziert ist(!) einfach nicht ausgestrahlt. Laut Gerüchten damit die Produktionskosten ins nächste Jahr fallen (man will sich ja nicht den Bonus verderben).
@linzerschnitte: Jein, kenne viele Leute im ORF die sehr engagiert sind und als Redakteure selbst den Kasperl machen, siehe Herbstzeit-Beiträge mit J.D. Aber ab einer bestimmten Position wird es reines Politschach und da fallen alle moralischen Schranken, denn es regt sich ja eh niemand auf.
Deswegen ist ein Change notwendig!
Aber unabhängige klassische Medien hat es in Österreich eh nie gegeben, leider!
vgl. dazu die aktuelle debatte zur ilfonso-orf-umbesetzung: es zählt nicht qualifikation, sondern in erster linie geht es um parteisypmatie.
stimmt natürlich, dass man grundsätzlich nicht alle ORF Mitarbeitern verteufeln darf. Irgendwie muss ja der Anschein von kreativität gewährt bleiben. Glaube aber nicht, dass die guten Leute beim ORF sehr glüklich sind.
Denn leider sind die Verhinderer, Bremser, Frühpensionisten, Parteifreund, Blender und Karrieristen in der Überzahl. Und die meisten anderen haben eh schon lange die Innere Emigration gewählt. Ich hab beim ORF Dinge gesehen, die man wirklich als “unglaublich” bezeichnen muss. zB. Jurist frisch von der Uni, Vater ist beim CV, beginnt bei Ö3, um das offizielle ORF Assessment Center zu umgehen und wird nach ein paar Wochen zum “Führungskräfte”-Seminar auf den Küniglberg geholt. Und kommt gar nicht zurück, sondern arbeitet seitdem in der ORF Direktion….
btw. rettung naht:))
http://www.youtube.com/watch?v=sNjGSPOgN5o
Ojemineee (um den Sprachgebrauch der 90er Jahre zu rezitieren)! Max, der Robert Hochner des Internet zieht sein Archiv hervor. Da wird so manche ORF-Lüge enttarnt. Herrliche Zeitmaschine.
Und ja richtig… Wann kommt Tschuschenpower endlich? Wird doch wohl nicht ins “Netz” (<—um hier einmal nicht Lorenz zu zitieren) verlegt?
Gute Zusammenfassung, danke.
Blogospäre = *thumbs up*
Köstlicher und wichtiger Beitrag.
Erfolgsorientiertes Gehalt führte dazu, daß das Direktorium Lindner sich für die Einsparungen im Jahr 200? (2 oder 3) mehr als Bonus ausgezahlt hat, als es eingespart hat.
Erfolg beim öffentlich-rechtlichem an der Reichweite zu messen, ist genau der Fehler den die ORF-Führung macht und daher versucht schlechtes Programm billig zu kopieren. Das billig Kopieren kommt daher, das sie keine Ahnung haben, wer an der Qualität des Programms beteiligt ist.
Der Overhead ist seit der Direktion Wrabetz noch höher als zuvor, wenn 6 Leute darüber entscheiden, an welchem Sendeplatz eine Eigenproduzierte Doku kommt, und 3 sind für den einen und 3 sind für den anderen Termin, während die Sendung schon im Schnitt ist und jeder Sendeplatz eine andere Länge hat, dann …?
Problematischer ist das Wrabetz noch mehr Interessensgruppen bedienen mußte als andere, und daher noch mehr Leute in Positionen geschoben hat, die dort gar nichts verloren haben.
Viel Problematischer ist, das sie wieder in den Bereichen sparen wollen, die der Produktion zugehörig sind, und damit das Programm noch schlechter machen, anstatt 1/3 der Verwaltung rauszuschmeissen.
Jeder Anrufer zählt für 5000 Zuseher, also alle bitte sich auch über den Look und die technische Qualität immer beschweren, damit wieder ordentlich produziert wird. Und es nicht schlimmer werden lassen! Die Kameramänner alleine rumlaufen lassen, ohne Licht und gescheitem Ton und dann alles wie Tausche Familie aussehen lassen, ausgenommen natürlich Politikerinterviews, weil denen kann man das natürlich nicht mehr zumuten.
Dumm war natürlich auch die Aktion die Betriebspension auf Fonds umzustellen. Noch dümmer jetzt zu sagen, daß der ORF Pleite ist, als ob jetzt alle Fondsanteile verkauft werden müßten.
Man darf ORF1 schon deshalb nicht privatisieren, damit in der Herr Konrad nicht in die Hand bekommt, der via ORS eh schon drin sitzt.
…usw
@linzerschnitte:
Warum da wieder der CV als Beispiel herhalten muss ist mir im ORF schleierhaft. Da wäre doch ein rotes Parteibuch, BSA-Mitgliedschaft oder ähnliches viel repräsentativer.
(Was natürlich nicht heisst, dass es nicht auch so funktioniert).
Der ORF ist leider noch immer ab einer gewissen Ebene ein reiner Spielball der Politik und dass die Politik nicht wirtschaften kann wird einem derzeit jeden Tag aufs Neue vors Auge geführt.
@max: Sehr guter Eintrag !
Max ich verneig mich. Spitzen Post
lg andreas
@rip @eol @andreas @Robert Danke!
@buntes rauschen, @linzerschnitte danke für die ausführungen!
Danke auch den ORF-MitarbeiterInnen die sich getraut haben diese Email zu verschicken.
Vera. Ja, die Gewinnerin der zweiten Staffel Starmania hieß Vera. Aber das ist doch Allgemeinwissen …
Ich versteh’ nicht, wie man einfach an manche Sendungen glauben kann. Da müsste doch schon in der Planungsphase der Punkt kommen, wo man sagt: Oh nein. Das will keiner sehen. (1 gegen 100 gibts übrigens noch, soweit ich weiß).
Dass man erfolgreiche Sendungen importiert, verstehe ich. Hier mal Scrubs, da Two and a half men. Auch ich sehe diese Sendungen gerne, aber dass man Uraltserien wieder sendet … da sollte man doch eher auf Eigenproduktion setzen …
Und dann hat man endlich etwas, was selbst während des Sommers funktioniert … “Oben ohne” mit Elfi Eschke. Seit langem wieder einmal eine Eigenproduktion, die funktioniert … und dann sendet der ORF die fertig abgedrehte zweite Staffel nicht (und verschiebt es auf 2010, soweit ich weiß) und friert die Serie erst mal ein. So etwas kann ich einfach nicht verstehen.
Ich fand ja damals den Grund für die Erhöhung der Gebühren so toll: Man hatte ja nicht damit gerechnet, dass in einem Jahr zwei Riesenveranstaltungen (Euro 08 und Olympia) stattfinden würden. Jeder mitteltalentierte Volkschüler kann sich die Häufigkeit von Europameisterschaft und Olympischen Spielen ausrechnen. Und auch ich bin der Meinung: Für gute Qualität zahle ich gerne.
Hey, was hast du gegen die Bundys? Und die bezaubernde Jeanny ist auch super!!!
Lorenz ist trotzdem ein Vollkoffer!
[...] 475 Millionen gingen an den ORF, den Rest teilten sich Bund und Länder | Made in Austria?). Ein Text auf Wissen belastet, dem Blog von Max Kossatz stolperte ich erst kürzlich wieder über das [...]
In den Fängen der Politik – das ist das Hauptproblem der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Wobei die Bezeichnung “Anstalten” gelegentlich durchaus zutreffend ist. Das gilt vor allem für die Führungsebene, nicht für die Redakteure, die das Programm machen.
Ich kenne die Details des ORF-Staatsvertrages nicht. Aber in der BRD verlangt die Politik von den Anstalten den unmöglichen Spagat:kulturelle und politische Eliten zu bedienen – und gleichzeitig Massenquote zu machen. Ein gut gemachtes Politikmagazin hat (egal zu welcher Sendezeit) eine maximale Einschaltquote von 15 Prozent – das ist für die Politiker in den Rundfunkräten und die von den Interessensgruppen dorthin delegierten Funktionäre ein “Nichts”.
Und für den Internetauftritt gelten Bestimmungen, die unter aller Kanone sind: Nachrichten sind erlaubt, ansonsten nur “programmbegleitende” Artikel. Man will ja den Zeitungsverlegern und Privatanbietern nicht das Milliardengeschäft verderben.
Und die Inhalte auf den öffentlich-Rechtlichen Homepages sollen künftig auch noch überprüft werden – von einem aus der Politik zusammengebastelten Aufischtsgremium.
Schöne neue Zeiten…
@Hannes Offenbacher: Du schaust gerne 3sat. Ich auch. 3sat wird bestückt mit Beiträgen aus dem deutschen Fernsehen, der Schweiz… und Beiträgen aus dem…. ORF
Zum Glück ist der Rundfunk in Österreich Bundeskompetenz und nicht Landeskompetenz wie in Deuschland, daher gibt es bei uns keine Rundfunkstaatsverträge, sondern nur das ORF-G bzw. die Gesetze für die Aufsichtsbehörden.
Die Quote und die Qualität – das sind nun einmal die zwei Messlatten an denen sich ein öffentlich-rechtlicher Sender immer messen muss.
nicht zu vergessen die noch immer nicht adaquat verurteilten rassistischen sager von klaus emmerich anlässlich der obama-wahl, die tiergartenartige vorführung prekär lebender menschen zuletzt im club 2, usw. usf…
letzterer ist dennoch – abgesehen von der größtenteils bemerkenswerten donnerstag-nacht-schiene – ein kleiner lichtblick, siehe dazu zum beispiel den kommentar des deutschen soziologen albrecht müller auf http://www.nachdenkseiten.de/?p=3597
mit ihm und jean ziegler gemeinsam diskutiere ich heute abend um 23h über “von der finanzkrise zur weltkrise”. da die sendung wegen zieglers timetable schon am montag aufgezeichnet wurde, kann ich schon verraten dass es hoch hergehen wird. einschalten! und dann dem orf-kundendienst feedback geben. laut infos vom küniglberg bewirkt das oft mehr als man glauben möchte.
@Klaus Danke für die Infos! da werd ich den Club mal aufnehmen!
[...] stattfinden? Nun gut, das darf ich sowieso nicht weitersagen. Aber dafür könnte ich meine Meinung zur Meinung des Herrn Lorenz und seinem pösen Internet zum Besten [...]