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Meine Laudatio beim Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten

Internet, Computer und Politik, Sonntag 15 November 2009 11:05

Gestern wurde im Figurentheater Lilarum mit einer fullminanten Show zum ersten Mal der “Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten” vergeben.

Ich hatte die Ehre mit den Wiener Grünen auch den “Sieger” des Abends nominieren zu dürfen und ziehe meinen Hut vor Christoph Chorherr, der den Preis vor Ort entgegen nahm.

Hier meine Nominierungsrede, mit den Powerpoint Overheadfolien eingebaut, alle Zitate findet man in den Reaktionen auf die Grünen Vorwahlen:

Morgen, Sonntag (Anm.: 15. November 2009), hätte ein historischer Tag werden können.

Es hätte der Tag sein können an dem die Wiener Grünen auf ihrer Landesversammlung erfolgreich einen Vorwahlkampf um die Plätze für die Gemeinderatswahlen nächstes Jahr abschließen und mit vielen neuen Unterstützerinnen, Unterstützern, Mitgliedern und mit viel Aufmerksamkeit im Internet und in der Presse gestärkt in den kommenden Wahlkampf in Wien gehen.

So habe ich mir das vorgestellt als ich Anfang April von der Idee der Grünen Vorwahlen hörte. Eine Idee, die von den Grünen selber stammt:

Reformvorschlag: Grüne Vorwahlen.

Damals dachte ich, dass die Aufnahme als Unterstützerin und Unterstützer der Wiener Grünen ein reiner Formalakt sei. Mir persönlich war der Gedanke völlig fremd das eine Partei auch nur auf die Idee kommen könnte, Personen, die helfen, hundertausenden von Menschen in Österreich zu zeigen, dass diese Partei wirklich ihre Basis ernst nimmt, abzulehnen. Auch viele Wiener Grüne signalisierten Freude an der Idee von Vorwahlen:

Diese Initiative ist aber auch eine große Chance für die Demokratie als Ganzes.

Die Initiatoren Jana Herwig, Helge Fahrnberger, Martin Schimak und Michael Schuster, sowie das mit der Zeit um Nicky Bäck, Susanne Zöhrer, Gerald Bäck und mich erweiterte Team dachten immer, das größte Problem wird sein, für den langen Zeitraum bis Mitte Juli genügend Öffentlichkeit zu haben um vielleicht so um die 200 Unterschriften zu sammeln.
Doch plötzlich passierte etwas, womit wir alle nicht gerechnet hatten:

Dieser Passus war nie dafür, wofür er jetzt verwendet wird, gedacht gewesen.

Hat sich die Initiative Vorwahlen im schwierigsten Bereich der Grünen Innenpolitik eingemischt: die Mandatsvergabe.

Wißt ihr, dass aktive Unterstützung der Grünen erstmal nötig ist, um überhaupt UnterstützerIn werden zu können?

Plötzlich zeigte sich, dass die sogenannte „Internetpartei“ ganz und gar nicht das lebt, was sie predigt und Großteils keine Ahnung vom Kommunizieren im Internet hat:

 Wenn ich den Christoph richtig verstanden habe, dann arbeitet ihr mit so kleinen automatischen Benachrichtigungen, die sich melden wenn irgendwer zu einem bestimmten Thema etwas hinterlassen hat. Das finde ich richtig gut. Aber ich und der Großteil von uns arbeitet nicht so.

Jetzt müßte ich technisch wohl in der Lage sein das Wort „Marsch“ als Link zu benutzen. Vielleicht geht es aber auch, wenn ich sage, dass es etwas dazu auf der Website der Wiener Grünen gibt.

Da brachen Gräben auf! Plötzlich bekamen die Wiener Grünen Angst! Da wurden einige 10.000 Visits auf einer Webseite mit dem Verteilen von Flyern „aufgewogen“:

Jedes Medium erreicht Menschen, sogar unsere Flyer, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt verteilt werden.

Der Landesvorstand war nicht mehr imstande eine so einfache Entscheidung, wie die Annahme eines Unterstützungsantrages, wo die Antragstellerin, der Antragsteller unterschreiben, dass sie aktiv mitarbeiten wollen, zu treffen:

Man kann und darf es natürlich für einen großen Fehler halten Leute abzulehnen, genauso wie man das Gegenteil für einen Fehler halten darf, überhaupt darauf einzugehen.

Dass ihr uns nur so wahrnehmt ist total unser Problem, was ich vollkommen ernst meine.

Begreife ich mich als Teil der Grünen oder bin ich eigentlich nur WählerIn und sehe ich mich nicht als Teil der Grünen.

Die Reaktionenseite auf „gruenevorwahlen.at“ wurde immer größer, immer mehr Menschen verstanden die Welt nicht mehr, was passiert da in „ihrer“ Partei? Die Presse interessierte sich mehr und mehr für die Initiative, wobei wir nie auch nur einen Euro für Medienarbeit ausgegeben haben. Hierzu ein kleiner Vergleich: Der Beitrag im ORF-Report hatte fast 100.000 Zuschauer mehr als das Sommergespräch mit Maria Vassilakou.

Plötzlich wurde öffentlich gefragt, wann Anträge angenommen werden und niemand konnte glauben, dass die Wiener Grünen Personen ablehnen werden. Erklärungsnotstand machte sich breit, jede Regung der Partei wurde im Internet heftig diskutiert:

Ich gehe davon aus, dass weitestgehend alle oder fast alle aufgenommen werden.

Ablehnung und Annahmen werden sich einigermaßen die Waage halten.

Wir haben von den hunderten Anträgen, die großteils über das Internet eingetrudelt sind, drei Viertel positiv bearbeitet.

Am Schluss wurden gerade einmal 52% der 445 Anträge angenommen, Lukas Wurz sollte Wahrsager werden.

Auch Verschwörungstheorien wurden öffentlich zum besten gegeben:

Es gibt eine Hidden Agenda.

Aber auch wunderbare Kommentare zur politischen Ausrichtung der Wiener Grünen gab es:

Weil ihnen der Arsch auf Grundeis geht intern, weil wir momentan in Wien eher so was sind wie linke Grüne.

Unter den „noch nicht“ oder „leider nein“ Unterstützern, aber auch unter den angenommenen machte sich Frust breit, der sich heftig im Internet widerspiegelte. Aber zu diesem Zeitpunkt hat sich die Kommunikation des Landesvorstands schon längst auf Durchhalte- bzw. Kampfparolen reduziert, die entsprechend kommentiert wurden:

„Der Vorstand könne anhand der eingereichten Unterlagen erkennen, wie sich die VorwählerInnen entwickeln werden“ Ist er der liebe Gott?

Auch wurde in den ausgeschickten Ablehnungsschreiben die eigene Partei „verleugnet“:

Die Grünen gibt es nicht.

Oder Ihre Ziele „definiert“:

Es ist ein wichtiger Zwang für eine Partei mehr Wählerinnenstimmen zu bekommen, aber kein notwendiger.

Die unprofessionelle Kommunikation des Landesvorstandes und anderer Teile der Wiener Grünen ließ kein Fettnäpfchen aus, als Beispiel sei nur die eilig einberufene Pressekonferenz genannt, wo man bekannt gab, Aufnahmekriterien zu haben, diese aber den anwesenden Journalisten leider nicht mitteilen konnte. Transparenz ist alles!

Fazit: Alles in allem bleibt ein viermonatiges Kommunikationsdisaster der Wiener Grünen übrig und so kam es wie es kommen mußte: viele, die mitarbeiten wollten, haben sich von der Partei abgewandt und sind zutiefst enttäuscht.

Das wird auch in Zukunft noch Auswirkungen haben. Man darf gespannt sein, wie oft die „Grünen Vorwahlen“ nächstes Jahr im Wiener Wahlkampf ein Thema sein werden.

Auch hat die Partei gezeigt, dass sie keine Ahnung im Umgang mit dem Internet hat und auch jetzt – nach acht Monaten – eigentlich nichts dazugelernt hat. Siehe etwa die Website „ichkandidiere.at“.
Zum Schluss das wunderbare Fazit des Landesgeschäftsführers der Wiener Grünen über die Grünen Vorwahlen:

Der Vorstand hat, obwohl von vielen Seiten auf ihn eingehackt, gezogen und gedrückt wurde, den Überblick behalten und einen Weg entschieden, der niemanden wirklich zufrieden stellt.

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

Und so nominiere ich die Wiener Grünen für den Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten.

EDIT: Christoph Chorherr hat auf der Landesversammlung den Preis an den Landesgeschäftsführer Robert Korbei übergeben übergeben:

Christoph Chorherr übergibt den Preis an Robert Korbei

EDIT2: Heute, am Tag der Landesversammlung, wird “ichkandidiere.at” gut eingesetzt um die Wahlergebnisse zu präsentieren, wobei die nummerischen Ergebnisse noch schön wären.

1 Kommentar für 'Meine Laudatio beim Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten'

  1.  
    15. November 2009 | 21:36

    [...] Aber zurück zu den (Wiener) Grünen: Sie haben in einer bemerkenswert basisdemokratischen Auslegung auch “Unterstützern” das Stimmrecht auf ihren Landesversammlungen zugestanden. Ein mutiger Schritt – allerdings wenig bekannt und daher selten genutzt. Die Initiative der “Grünen Vorwahlen” hat dem ein Ende gesetzt und wollte mit mehr Basisdemokratie frischen Wind zu den Wiener Grünen bringen. Doch dort hat man längst nicht mehr viel mit Basisdemokratie am Hut, wie zahllose Wortmeldungen und Entscheidungen in Folge belegten. Höhepunkt der Aktionen gegen die eigene Basis war allerdings die Einführung einer “Gewissensprüfung” für mögliche Grüne Vorwähler, die dem Stalinismus alle Ehre gemacht hätte. Auf Basis undurchsichtiger ideologischer Kriterien und Entscheidungen alteingesessener Gremien wurde so ein großer Teil der interessierten Vorwähler abgeblockt. Und damit erfolgt die Wahl der Grünen Kandidaten für die nächsten Wien-Wahlen (die Landesversammlung wird übrigens nicht einmal live im Internet übertragen) genau genommen schlicht statutenwidrig. Völlig zu Recht haben die Wiener Grünen daher für ihren Windmühlen-Kampf gegen die eigenen Internet-Unterstützer den Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten bekommen. Nach dem Big Brother Award 2009 der zweite Negativpreis für ein Totalversagen der Grünen bei einer  ihrer Kernkompetenzen. Meine Hochachtung an dieser Stelle gilt einmal mehr Christoph Chorherr, der sich der Diskussion mit den Grünen Vorwählern nicht nur ehrlich und offen gestellt hat, sondern auch mutig genug war, den Wolfgang Lorenz Preis für die Wiener Grünen entgegenzunehmen. [...]

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